von Carsten Steenbergen & T. S. Orgel

Im Zuge meiner eigenen Erfahrungen mit E-Books und dem Zusammentreffen mit Steampunk, einer Fantasy-Richtung die mich auch interessiert, die ich aber bisher nur am Rande gestreift hatte, wurde ich auf ein Internetprojekt aufmerksam gemacht, dass sich Steamtown nannte. Da ich auch den Autor kannte, immer eine gute Verbindung, befasste mich etwas näher mit dem Projekt, druckte mir alles aus und gestaltete quasi so mein eigenes Buch. Eine spannende Welt tat sich vor meinem inneren Auge auf und ich fraß mich quasi in Windeseile durch die spannenden Seiten.

Dann hörte ich von Lesungen, rund um Steamtown und besuchte inzwischen schon drei Stück davon. Diese sind immer fantastisch unterhaltsam, leben von den beiden Sprechern, und dem Mitwirken des Publikums. Aber hier soll es ja um das Buch gehen, dass es im Papierverzierer Verlag erschienen ist. In der Buchausgabe haben die Autoren Carstens Steenbergen und T. S. Orgel die meisten Geschichten aus dem Internetprojekt zusammengefasst, aneinander angeglichen um ein rundes Produkt daraus herzustellen.

Worum geht es in Steamtown die Fabrik? Auf den Stufen der Bakers Hall von Steamtown liegt eine bestialisch zugerichtete Leiche. Der junge Agent Eric van Valen wird zusammen mit dem abgehalfterten Pater und Ætheromanten Siberius Grand und dem seltsamen Forensiker Mister Ferret vom Ministerium Seiner Majestät beauftragt, den Mörder zu finden - oder wenigstens jemanden, der schuldig genug aussieht. Doch was als simple Mordermittlung in der Unterwelt der von Plasmalicht und Kohlefeuer erhellten Stadtmetropole beginnt, scheint tiefer zu gehen und konfrontiert sie mit ihren düstersten Albträumen. Albträume, in denen höllische Geschöpfe auf die drei Ermittler lauern, dunkle Vergangenheiten und eine Verschwörung, die die Stadt Steamtown in ihren Grundfesten erschüttert. Soweit der Inhalt, die man immer so als Klappentext angeboten bekommt.

Inhaltlich ist dem nichts weiter zu hinzuzufügen, außer dass die Figuren alle ziemlich abgedreht sind. Erik van Valen ist so der typische kleine Beamte, der bisher nicht besonders groß in Erscheinung getreten ist und alles in allem äußerst unauffällig ist. Man könnte auch sagen langweilig. Dafür bietet er die größtmögliche Entwicklungsmöglichkeit aller beteiligten Figuren. Außer vielleicht die Frau Whiggs (das ist ihr Spitzname), die etwas später zum Ermittlerteam hinzu stößt, denn diese hat zwar auch ihre Kanten ist aber insgesamt auch noch etwas flach gehalten.

Schon sehr stark gezeichnet ist Mister Ferret, von dem man am Anfang nicht so wirklich weiß was das für eine Person ist. Aber er ist sofort im Zentrum der Aufmerksamkeit, durch seinen ersten Auftritt und die spätere Beschreibung am ersten Tatort. Bitte lest selber, damit ich hier nicht verraten muss. Ich persönlich fand Mister Ferret sehr spannend!

Auch der polternde Pater Grand ist schon sehr weit entwickelt und hat bereits einen eigenen Charakter. Und zu Anfang weiß der Leser nicht ob bei ihm sympathisch finden soll oder ob es sich doch um ein Aschloch handelt. Das wird im Laufe der Geschichte aber auseinander gedröselt, zur Zufriedenheit des Lesers.
Das aufeinandertreffen dieser vier Personen, zu einem Ermittlerteam, macht den Reiz dieser Geschichte aus, die natürlich auch vom Sujet und dem Steampunkt Elementen lebt. Alles wirkt stimmig und es eröffnet sich dem Leser eine eigene Welt in einem eigenen Universum. Die ganze Erzählung erinnert sehr stark an London des 18. oder 19. Jahrhunderts, mit ihren Gaslaternen, den unangenehmen Gerüchen und der merkwürdigen Bewohnerschaft, sowie den dunklen Drahtziehern, die im Hintergrund lauern. Persönlich möchte man an diesem Ort bestimmt nicht leben, aber für die Geschichte ist es einfach grandios. Man taucht in eine fremde Welt ein, die aber trotzdem immer wieder Bezugspunkte zum „normalen“ Leben bieten. Dazu fantastische Örtlichkeiten, wie die Kanalisation mit noch merkwürdigen Bewohnern und Instandsetzungskräften, die genauso schräg sind wie alle anderen Personen in diesem Buch auch.

Der Leser fiebert mit bei jeder unüberwindlich scheinenden Situation und hofft dass sie diese einigermaßen gut überstehen, was nicht immer wirklich funktioniert. Denn wie im richtigen Leben, bekommen die Charaktere auch ordentlich ihr Fett weg und bleiben nicht von Schrammen, Beulen und Verletzungen verschont. Es sind also keine Überhelden, sondern Leute wie du und ich, die einfach in eine besondere Situation geworfen sind und schauen müssen wie sie damit fertig werden.

Die ganze Story bietet alles was das Herz begehrt. Schräge Charaktere, ein besonderes Setting, eine Liebesgeschichte, ganz viel Eckchen, und eine übergreifende Geschichte, die die einzelnen Personen überhaupt nicht überblicken können und so immer nur in den Teilbereichen agieren können, die sie gerade betreffen. Das alles macht jede Menge Laune beim Lesen und man hofft, am Ende der Geschichte, auf eine weitere Fortsetzung.


Medium:Taschenbuch
Genre:Roman
Veröffentlicht.:2016
Verlag/Label:Papierverzierer
Autor:Carsten Steenbergen & T. S. Orgel
ISBN/Asin:978-3-944544-35-9
Seitenzahl:424