von Jutte LaRoche und Reinhard Marheinecke

Die Idee alte Helden neu auferstehen zu lassen ist nicht neu aber immer wieder interessant. Vor allem wenn es von jemand anderem als dem ursprünglichen Erfinder unternommen wird. Zugegebenermassen wäre es Karl May natürlich auch nicht mehr möglich. Besonders interessant wird es dann, wenn es nicht einfach nur eine spannende Neuauflage wird, sondern die Autoren eine neue Geschichte erfinden, die auf Bekanntem aufbaut aber aus einer völlig anderen Sichtweise erzählt wird.

Die Serie "Winetous Testament" ist genau so ein Fall. Hier erfindet das Autorenpaar ein Tagebuch des verstorbenen Apachenhäuptlings Winetou, der seine geschriebenen Worte an seinen Blutsbruder Old Shatterhand richtet um ihm ihre gemeinsamen Erlebnisse aus seiner Sicht zu erzählen. Ein nicht unmögliches Szenario, denn Karl May hat an der ein oder anderen Stelle immer wieder einmal Bemerkungen fallen lassen, die das durchaus in den Bereich des Möglichen rücken.

Die Autoren mischen dabei geschickt die Tagebucheintragungen mit dem "tatsächlich" Geschehenen aus der Feder Karl Mays, aber eben aus der Sicht Winetous. Ein geschickter Schachzug. Denn so können sie die Geschichte noch einmal neu erzählen und sie mit den Gedankengängen des Apachenhäuptlings anreichern. Ebenso ein geschickter Schachzug, dass die Parts von Winetou und Old Shatterhand von zwei Personen geschrieben werden. Winetou von (?) und Old Shatterhand von Reinhard Marheinecke, der "seinen" Scharlie ja bereits in seiner Roten Reihe auferstehen hat lassen. Wobei ich zum Zeitpunkt meiner Rezension noch nicht weiss ob die Serie "Winetous Testament" vor Marheineckes Bänden geschrieben wurde oder ob dies für ihn der Anlass war überhaupt erst neue Abenteuer mit Old Shatterhand zu erfinden.

Deutlich sind die beiden unterschiedlichen Schreibstile zu merken, was im vorliegenden Fall nichts Negatives ist, sondern diesem Buch eine zusätzliche Facette gibt. Winetou erzählt seinem Blutsbruder im ersten Band etwas aus seiner eigenen Geschichte und wie er zum Häuptling der Apachen wurde, obwohl er eigentlich noch viel zu jung war. Die Jugenderinnerungen sind dabei natürlich frei erfunden. Erst ab der Begegnung mit dem Abenteurer uns Sachsen kommen bekannte Erlebnisse ins Spiel. Hier mischen die beiden Autoren geschickt drei Erzählebenen. Die bekannten von Karl May, die Erlebnisse Old Shatterhands aus seiner Sicht und die Erinnerungen Winetous. So erlebt der Leser noch einmal das erste Zusammentreffen dieser beiden Helden, jeweils mit Vorgeschichte und ihren Erinnerungen. Wie ich finde geschickt gelöst und vor allem spannend und unterhaltsam geschrieben. Da kommen Jugenderinnerungen hoch und man erhält einen Einblick in die Gedankenwelten Old Shatterhands und Winetous.

Kurzzusammenfassung:

"Winetous Testament" erscheint ebenfalls im Marheinecke Verlag. Auch hier handelt es sich, wie nicht anders zu erwarten für ein Kleinlabel, um ein Book on Demand. Papier und Haptik sind ausgezeichnet, das Schriftbild klar, deutlich und gut zu lesen. Ganz anders als BoD noch vor einigen Jahren war. Und so können auch alte Ausgaben und Kleinauflagen ohne grosse Probleme jederzeit hergestellt werden, so das man nicht Gefahr läuft diese ausserordentlich gute Serie eines Tages nicht mehr zu bekommen. Denn auch hier lohnt sich der Kauf in jedem Fall. Man lernt seine alten Helden neu kennen oder kann sie das erste mal kennen lernen in guter Qualität, nicht nur was die Ausgabe an sich betrifft, sondern auch von der Idee und der Umsetzung her. Inzwischen gibt es bereits (?) Bände. Hier gilt das Gleiche was ich bereits zur Roten Reihe schrieb. Gehört in jede Karl May Sammlung, wenn man ein offenes Auge auch für "Seitenprodukte" hat. Denn in dieser Qualität haben sie das wirklich verdient.

Am besten direkt beim Verlag bestellen.


Medium:gebundene Ausgabe
Veröffentlicht.:2000
Verlag/Label:Marheinecke
Autor:Jutte LaRoche und Reinhard Marheinecke
ISBN/Asin:978-3-932053-24-5
Seitenzahl:240